Zwischen Alt und Jung, zwischen Charme und roten Plüschsesseln:
Eine Einladung in das älteste Kino Wiens.
Willkommen im Bellaria Kino!
Auf dem Vordach des alten Hauses mit weißer Fassade sind zwei Leuchtschilder angebracht. Ein LED-Schild leuchtet grell in Rot mit einem verschnörkelten Schriftzug, der „Bellaria“ lautet. Das andere Schild ist in Blockbuchstaben und dunkelblau und trägt die Aufschrift „Kino“. Herzlich willkommen im Bellaria Kino, einem der ältesten Kinos Wiens.

(C) Sophia Scheibenbogen
Betritt man den Eingang, so ist augenblicklich ein Duft von Popcorn in der Luft. Rechts befindet sich der Kinosaal. Die Tür ist noch verschlossen. Es ist 19:40 Uhr an einem Donnerstagabend in der Museumstraße 4 im 7. Bezirk. Ein kurzer Blick auf das heutige Programm verrät, dass um 20 Uhr „The Chronology of Water“ auf der Leinwand zu sehen ist. Schnell Richtung Kassa. Diese befindet sich neben dem Eingang zum Saal, gegenüber der modernen Bar, an der es auch frisch gemachtes Popcorn gibt. Es gibt rote Sitzecken mit Plüsch. In der Mitte steht ein kleiner runder Tisch, auf dem sich eine durchsichtige Vase mit selbstgepflückten Wildblumen und einer Karte befindet. Die Tapete ist regelmäßig mit einem Muster aus drei rosa Rosen und drei grünen Zweigen von Blättern bestückt und erstreckt sich über die Wände. Das Licht ist gedimmt, für einen Eingangsbereich ist es dunkel. Scheinwerfer zeigen pointiert auf die Sitzecken.
Die Karten für die Vorstellung wurden bereits online reserviert. Das Bellaria Kino ist eines von vielen Spielhäusern in Wien, das im Nonstop-Kinoabonnement inkludiert ist. Genau das Richtige für filmbegeisterte Kinogänger*innen. Direkt vor dem Bellaria befinden sich Sitzmöglichkeiten. Entlang der Hausmauer stehen metallene Sessel rund um einen kleinen silbernen Tisch. Man fragt sich, wie der sehr schief stehende Tisch nicht umfällt, denn die Museumsstraße ist nicht eben und geht ein Stück weit bergauf. An der Seite der Straße wurden Sitzecken aus hellem Holz gebaut, entweder aus Ahorn oder Birke.
Wer die Augen schließt, befindet sich plötzlich im Jahr 1911, als das Bellaria noch ein Überlebenskünstler war. Ein Ort für Kinobegeisterte, die in den weichen, roten Samtsesseln versinken und weit weg sind von den großen Streaming-Plattformen. Nach einem Zeitsprung von 108 Jahren, im Jahr 2019, schob sich ein Riegel vor die Leinwand. Das Schicksal war besiegt und die Pforten des Kulturzentrums schlossen sich. Staub legte sich über die roten Sitzreihen und die Leinwand, ein Stück ältester Wiener Filmgeschichte war gestorben. Es folgte eine Rebellion, ein Kampf, um ein Stück Wiener Kulturgeschichte wiederzuerlangen.
Das Bellaria Kino ließ sich das nicht lange gefallen. Die Rettung erfolgte durch eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne. 1.500 Unterstützer*innen sammelten mehr als 135.000 Euro. Doch das war noch nicht alles. Die Stadt Wien steuerte eine Finanzspritze von 100.000 Euro für die Sanierung bei. Eine gelungene Befreiung der roten Samtsessel. Am 17. April 2026 wurde das Bellaria Kino feierlich wiedereröffnet. Die erfolgreiche Kampagne wurde von den Betreiber*innen des Votivkinos ins Leben gerufen. Gemeinsam mit den Gastronomen Moritz Bair und Daniel Botros wurde auch ein neues Gastrokonzept gestartet. „Film and Food” ist im Bellaria eingekehrt. Das Gebäude im 7. Wiener Gemeindebezirk wurde umfassend saniert. Im Saal erwarten die Besucher*innen 116 neue Kinosessel, die immer noch mit rotem Plüsch verkleidet sind, sowie moderne Kinotechnik. Der Barbereich mit Rot beleuchteter Wand und allerlei Spirituosen lädt auf ein oder zwei Getränke vor oder nach dem Film ein. Die Mischung macht’s: Gezeigt werden zeitlose Klassiker und aktuelle Programm-Highlights. Der neue soziale Kulturhotspot der Wiener Schickeria erlebt einen Aufschwung. Leinwand frei für Bella Bellaria! Im Foyer ertönt Gelächter und erhellt den Raum.
Zwei junge Frauen haben auf den Stühlen draußen vor dem Kino Platz genommen und sitzen nun um den Tisch herum. Sie sind beide Studentinnen in Wien und Anfang zwanzig. Eine der beiden Frauen hat kurze dunkelbraune Haare mit hellen Strähnen, trägt eine Brille und lange silberne Ohrringe mit türkisfarbenen Steinchen.
Der Blick wandert zum wiedereröffneten Bellaria-Kino. Dort, wo jahrelang die Rollbalken unten waren, stehen nun Leute an der Kinokasse. Auf die Frage, ob sich dieser Moment wie eine echte Kulturrettung anfühle oder eher wie ein wehmütiger Blick zurück, hält eine der jungen Frauen kurz inne.
„Das ist einiges an Geschichte und Kultur, welches das Kino mit sich bringt. In diesem Fall konnte es erhalten oder auch gerettet werden. Wenn man das Kino betritt, fühlt es sich aber auch wie ein Blick zurück an, weil es einen ganz anderen Charme hat, anders aussieht und anders wirkt als große Kinoketten. Es ist schön, dass der Charme und das Design erhalten bleiben konnten.“
Der Raum atmet Geschichte und stellt einen Gegenpol zu den sterilen Kinokomplexen dar. Angesichts dieser historischen Kulisse drängt sich die Frage auf, ob das Filmerlebnis im Bellaria-Kino intimer ist als in einem riesigen, modernen Saal.
„Das ist schon ein anderes Kinoerlebnis, weil der Saal kleiner ist und das Drumherum insgesamt ganz anders wirkt als in einem riesigen Kino.“
Der Abend neigt sich dem Ende zu, draußen wartet die Dunkelheit der Straße. Auf die Frage, welches konkrete Bild sie heute Abend mit nach Hause nimmt, überlegt die Frau einen Moment.
„Das Erste, was ich mir gedacht habe, als ich das Kino betreten habe – noch nicht den Kinosaal, sondern nur den Vorraum – war: Hier will ich noch mal herkommen. Das war, bevor ich den Kinosaal oder den Film überhaupt gesehen habe. Ich bin sehr froh darüber, dass dieses Kino erhalten wurde.“
Die schwere Saaltür des Bellaria ist geöffnet. Die ersten Plätze der 116 roten Plüschsessel füllen sich langsam. Die Gespräche im Eingangsbereich verstummen allmählich und die Filmenthusiast*innen nehmen ihre Plätze ein. Es sind nicht nur Filmenthusiasten, sondern auch ältere Damen und Herren, Stammgäste und mittendrin die zwei jungen Studentinnen. Es ist ein kunterbunt gemischtes Publikum.

(C) Sophia Scheibenbogen
Das Licht im Saal erlischt. Es herrscht Dunkelheit. Von links vorne ist das Rascheln von Popcorn zu hören. Hinten rechts wird gemurmelt. Doch dann strahlt ein heller Lichtstrahl auf die Leinwand, direkt über die Köpfe der Gäste. Am dicken Stoff der Leinwand formt sich das erste Bild. Zu sehen ist der weiße Schriftzug „Willkommen im Bellaria Kino“ auf einem roten Herz. In diesem Moment scheint alles richtig. Es ist kein altes, langweiliges Kino, das renoviert wurde. Es ist ein Ort, an dem für die nächsten drei Stunden Ruhe einkehrt. Alle im Saal schauen auf dieselbe Leinwand, widmen sich demselben Film, demselben Inhalt, einem wichtigen Thema. Die Besucher*innen versinken in den roten Samtsesseln, die digitale Filmtechnik produziert ein klares Bild und Salz hinterlässt eine Spur in den Mündern. Wien ist an diesem Tag kulturreicher geworden.

(C) Sophia Scheibenbogen